Die Vordergasse im Jahr 1924 Foto: R. Wessendorf Sammlung Koch

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Während Jahrhunderten

lebten, arbeiteten und starben die Neun­kircher und Neukircherinnen in ih­rem perfekten Rechteck, das sie gleichermassen schützte wie einsperrte – bis zu den sechs dra­matischen Tagen des «Neun­kir­cher Kongresses» im Februar 1798, in denen die Landbevölkerung der Stadt Schaffhausen Freiheit und Gleichheit abrang.

Nachdem die Machtverhältnisse geändert waren, be­schlossen die Stadtoberen, die Mauern aufzu­geben und die Gräben aufzufüllen. Sie erwarteten offenbar ein Wachstum, das dann, etwas später, mit der Industrialisierung und dem Bau der Eisenbahn auch begann.

Nach dem zweiten Weltkrieg setzte, wie andernorts auch, eine gehetzte bauliche Entwicklung ein. Wo früher die Stadtmauern und die Gräben die Bewohner vor Überfällen schützten, schützen nun die an ihrer Stelle gepflanzten Alleen die Stadt vor dem wilden Bauen. 

Die ideale Geometrie der Stadt überlebte diese Zäsuren. Doch mit dem Öffnen des Rechtecks rann die wirtschaftliche Kraft langsam aus dem Städtchen. Und die wachsende Mobilität seiner Bewohner nahm ihm schleichend seine Bedeutung als Wohn-, Arbeits-, Einkaufs- und Aufenthaltsort. Wie vielerorts verlassen Handel, Gewerbe und Dienstleister das Städtchen, die verbleibenden Betriebe vermögen den Unterhalt der Bauten kaum mehr zu tragen, das Wohnen muss übernehmen. Aber auch zum Wohnen ist das Städtchen nur noch be­dingt attraktiv: wer moderne helle Räume, grosse Sonnenterrassen oder viel Garten will, sucht anderswo. Der Tourismus, der allenfalls als Treiber wirken könnte, blieb bisher unbedeutend.

Doch glücklicherweise gibt es sie noch, die urbanen Liebhaber, die in intakter Landschaft kleinstädtisch leben wollen. 

Als die heute hier Lebenden sind wir lediglich der Bindestrich zwischen Vergangenheit und Zukunft. Dies sollte bewusst bleiben, den Eigentümern, die über das Schicksal der Gebäude entscheiden und den Gemeindebehörden, die den öffentlichen Zwischenraum, die Gassen, Plätze und Alleen gestalten.

Beide bestimmen mit ihrer Denkungsart und ihren Investitionen, wie sie das Städtchen an die nächsten Generationen weitergeben: lebenswert oder öde.