Der Makrokosmos ist die «grosse Welt», der Mikrokosmos die «kleine Welt», sie spiegelt die «grosse Welt». Wer den Mikrokosmos versteht, versteht auch den Makrokosmos, denn im Mikrokosmos gelten dieselben mathematischen Gesetzmässigkeiten wie im Makrokosmos. Die Erde, ein Staat, eine Stadt oder ein Lebewesen – sie wiederholen die Struktur des Universums im Kleinen.
Ein besonderer Mikrokosmos ist der menschliche Körper, und der Mensch ist Teil einer alles umfassenden Weltordnung, eines durchgängig nach einheitlichen Prinzipien harmonisch geordneten und daher schönen Kosmos. Das Mittelalter sah die Wurzel des Menschen im Himmel, seit der Kirchenvater Augustinus (354 bis 430) den Menschen zum Ebenbild der Welt erklärte.
Da auch die Stadt ein Mikrokosmos ist, eingebunden in die einheitlichen und harmonischen Prinzipien der Weltordnung, wird der Gründungsakt einer Stadt zum göttlichen Schöpfungsakt. So wie Gott am Anfang der Zeit mit einem Zirkelschlag den Kosmos vom Chaos geschieden und die kosmische Ordnung geschaffen hat, trennt der Stadtherr durch das Ziehen der Stadtgrenze, der Stadtmauer, den urbanen Raum vom umgebenden Land. Der Zirkel und seine geometrische Entsprechung, der Kreis, werden so zu einem Symbol der schöpferischen Kraft.
Diese Nachahmung Gottes galt dem Mittelalter nicht als blasphemische Anmassung, sondern als weitere Möglichkeit, die Verbindung zwischen Himmel und Erde zu zeigen. So wie auch die Vorstellung vom gottgleichen König, dem Mittler zwischen den Welten, keine Blasphemie ist. Dieser imperiale Anspruch zeigt sich in den königlichen Insignien: der Reichsapfel als kugelförmiger Kosmos oder als Erde, das Szepter oder das Schwert als Symbol für die Weltenachse und der Krönungsmantel als Himmel.
Die Vorstellung von der Mikro-Makrokosmos-Entsprechung blieb bis ins 16. Jahrhundert erhalten. Ihr Kern aber lebt weiter in unseren heutigen Erkenntnissen aus der Astro- und der Atomphysik.
Der scheinbar ruhende Punkt im sich drehenden Nachthimmel, der Polarstern, ist die Mitte des Himmels. Die Weltenachse, die «axis mundi», verbindet die Mitte des Himmels mit der irdischen Mitte. Wo die Weltenachse auf die Erde trifft, befindet sich in Analogie zum Nabel, dem Mittelpunkt des Menschen, der «Nabel der Welt», von dem aus die Schöpfung ihren Anfang genommen hat. Als sichtbares Zeichen wurde er markiert, je nach Kulturkreis, durch einen Omphalos oder einen Altarstein.
In der Gotik ist die Erde noch im Zentrum, die Sonne kreist um sie. Und die Gründung einer Kirche oder einer Stadt, geht wie jeder Schöpfungsakt von der Mitte aus, vom «Nabel der Welt». In Indien bezeichnet der Astrologe den Punkt, der sich über dem Kopf der Schlange befindet, die die Erde trägt. Hier schlägt der Baumeister mit einer Kokosnuss einen Pfahl in den Boden, damit wird der Kopf der Schlange festgehalten. So besiegt er das Chaos und wiederholt die Schöpfung. Die Stadt kann nun gebaut werden.
Die etruskisch-römischen Stadtgründer ziehen, nachdem astrologisch der günstige Tag und der Mittelpunkt bestimmt worden sind, mit einem Stier, einer Kuh und einem bronzenen Pflug eine Furche um die Stadt. Der Stier zieht auf der Aussenseite, die Kuh innen. Die Scholle muss nach innen fallen. Sie symbolisiert die Stadtmauer und die Furche den vor ihr liegenden Graben. An den Stellen, an denen die Tore vorgesehen sind, wird der Pflug angehoben und damit die Furche unterbrochen. Die so rituell entstandene Stadtgrenze gilt als heilig und unveränderlich. Im Mittelpunkt der Stadt, dem «mundus», wird eine Opfergrube angelegt und mit Gaben gefüllt.
Die etruskisch-römischen Stadtgründungsrituale wurden bis ins christliche Mittelalter überliefert. So soll der staufische Kaiser Friedrich II. bei der Gründung seiner Stadt Vittoria im Jahr 1247 detailliert dem römischen Vorbild gefolgt sein. Er liess eine Vogelschau vornehmen und zog persönlich mit einem Pflug die Stadtgrenze.
Da das Gründen einer Stadt ein kosmologischer Akt war, galten strenge kultische Vorschriften. Im Mittelalter waren diese teilweise geheim, darum sind mittelalterliche Stadtgründungsprozesse nur selten von einer schriftlichen Überlieferung begleitet.
Im 13./14. Jahrhundert wird nachträglich erzählt, wie die Edelfrau Markswid im Jahr 939 in Neu-Schildesche bei Bielefeld ein Kanonissenstift gründete: An der Stelle, die für den Hauptaltar bestimmt war, wurde ein Kreuz aufgerichtet «(...) als man nun den Segen der Messe empfangen hatte, da stellten verständige Kunstfertige des Maurerhandwerks, die sie aus Nordfrankreich herangerufen hatte, den Mittagspunkt fest, schlugen um diesen einen ebenmässigen Kreis und legten den Punkt des tatsächlichen Sonnenaufgangs fest. Von jenem aus vermassen sie das Sanktuarium, das im Halbkreis gerundet war. Als man aber an der Stelle des Grundsteins die Erde ausgehoben hatte, nahm die Edelfrau Markswid einen neuen Stein auf, küsste ihn und legte ihn in der Mitte des Halbkreises [dort] nieder, wo nach beiden Seiten die Verbindung der Wände sich anschliesst (…).»
Auch die Gründung der Stadt Neunkirch geht von der Mitte aus. Der Initialkreis und fünf weitere konzentrische Kreise sind die Grundlage der Stadtgeometrie.
Die Stellung des Menschen im kosmischen Gefüge
Zur Zeit der Schedlelschen Weltchronik, Nürnberg 1493, war die Erde noch im Mittelpunkt