Neunkirch entsteht in der Zeit der Gotik

Die Landbevölkerung erhofft sich in den vielen neu gegründeten Städten ein besseres Leben als das unter der Feudal­herr­schaft des Adels. So kommt es in der Zeit der Gotik zu einer rasanten Verstädterung mit ihrem Lärm, Gestank, und Schmutz, mit neuer Armut und neuem Reich­tum. Man leidet an Krankheiten und Seuchen, verendet in Kriegen; man rodet immer mehr Wälder für Bau- und Brennholz.

Die Kaufleute und die Handwerker gewinnen in den Städten an Einfluss. Es bilden sich neue Formen von Gemeinschaft, was zum Konflikt zwi­schen dem alten Feudalsystem und den neuen Besitzbürgern in den Städten führt. Klerus und Adel kämpfen mit dem selbstbewussten Bürgertum um die Macht. 

Die neue Schicht der Händler und Gewerbler agiert mit der Zweckrationalität der Vernunft. So logisch wie das Rechnen und das Kalkül von Kauf und Verkauf, Handel und Ge­winn ist, so vernünftig soll es idealerweise auch in der Gesellschaft zugehen. Und in der Philosophie: Die Denker des Christentums beginnen die Natur mit wissenschaftlichen Mitteln zu enträtseln. Das bisherige weltanschauliche Fundament der Gesellschaft erodiert.

Mit der wachsenden Bedeutung der Städte verändert sich auch die schulische Bildung: Sie geht von den Klosterschulen über an die Stadtschulen und den daraus entstehenden Universitäten. Lehre und Forschung werden professionalisiert, die bis anhin unumschränkt herrschenden kirchlichen Dogmen infrage gestellt. Biblische Texte bleiben wohl weiterhin wichtige Quellen, sie werden nun aber aus Sicht der antiken Wissenschaften, vor allem anhand der Schriften von Platon (428 bis 348 v. Chr.) und seinem Schüler Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.), neu interpretiert.

Dass die Menschen das Ziel einer gütigen Schöpfung Gottes sind, dass sie in seiner Gnade leben und sterben, dass sie nach seinem Willen auferstehen und dass die Kirche der stellvertretende irdische Ort dieser Heilsgeschichte ist – nichts davon schien mehr selbstverständlich. Sieben Jahrhunderte lang hatten die Menschen in dieser von Augustinus (354 bis 430 n. Chr.) begründeten Gewissheit gelebt. 

Wie seinerzeit Aristoteles in der Antike, geht nun auch Thomas von Aquin (1225 bis 1274) davon aus, dass der Mensch die Welt grundsätzlich völlig durchschauen kann. Alles ist rational und sinnvoll aufeinander abgestimmt. Und der von Gott gegebene menschliche Intellekt ist ein ausgezeichnetes Instrument, um diese vernünftige Ordnung zu begreifen. Für Thierry von Chartres (1085 bis 1155) vollzieht sich die Schöpfung nach streng mathematischen Regeln und idealen Zahlen. 

Nun wird Gott ins Handwerk geschaut

Für Abaelard (1079 bis 1142) ist die Welt von Gott «geometrisch» strukturiert worden. Augustinus’ Überzeugung, man dürfe Gott nicht ins Handwerk schauen, ist gründlich überholt.

Doch die Rationalität, die die heutige Wissenschaft be­stimmt, ist im Mit­telalter noch fern. Zeit und Raum sind noch nicht vermessen. Bis ins 14. Jahrhundert messen Menschen die Zeit mit Sonnen-, Sand- und Wasseruhren, wenn überhaupt. Die Vorstellung vom Zeitmass eines Jahrhun­derts ist im Mittelalter fremd. Man richtet sich nach wieder­kehren­den Naturerscheinungen, nach den Jahreszeiten, Mond­phasen oder dem Sonnenstand. Die Vor­stellung, die sich die Menschen von der Zeit machen, ist konkret, nicht abstrakt. Wünsche und Ängste gelten greif- und vorstellbaren Ereignissen. Begriffe wie das «Jüngste Gericht» oder die «Wiederkehr Christi» gehören zum Lebensalltag. Die Elektrizität kennen sie nur als Blitz. Ein Mass für Geschwin­dig­keit kennen sie nicht. Eine Tagesreise ist nur ein Längen­mass. Landkarten sind symbolische Karten, Massstäblichkeit hat keine Bedeutung, untergegangene Städte wie Karthago sind ebenso eingezeichnet wie der Götter­gar­ten irgendwo hinter Afrika, und die «Insel der Seligen» liegt westlich von Irland.

Die Kirche kann dem Aufschwung der Ver­nunft nur wenig entgegensetzen. Ihr System fusst auf Irrationalität und Glaube, nicht auf Logik und Vernunft. Im Umgang mit den «Sieben freien Künsten» (Grammatik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie, Dialektik) ist sie tief gespalten. Für die einen sind Logik und Vernunft Gaben Gottes, die es dem Menschen ermöglichen, am Göttlichen teilzuhaben, für die andern reines Teufelswerk.

Diese tiefgreifenden Veränderungen werden auch als «Kleine Renaissance des 12. Jahrhunderts» bezeichnet. Diese lässt sich zwar nicht direkt mit derjenigen des 15. und 16. Jahrhunderts vergleichen, teilt aber die Leidenschaft für die Kultur der Antike.

Wie ein Gleichnis dieser weltanschaulichen Verwerfungen erscheinen in der Gotik Bauwerke zum Lobe Gottes, die, von einer himmelstürmenden Jenseitssehnsucht getrieben, erst dank der neu entdeckten Wissenschaft möglich geworden sind: die Kathedralen.

Ihre Bauwerke vereinen die Gegensätze, die sich in der Gesellschaft öffnen und bringen sie in ein statisches Gleichgewicht: innen der ma­gisch mystisch religiöse Aufschwung mit der rubinroten und azurblauen Glut der Fenster, aussen das kühn tragende Strebewerk, das ganz vom logisch mathematischen Intellekt geprägt ist.

Kathedrale von Rouen, Westfassade