Gott der Weltbaumeister

Gott hat das Universum nicht planlos, sondern nach ma­the­matischen Gesetzen aufgebaut, das Universum ist Architektur und Gott der Architekt, der Weltbaumeister – «Gott würfelt nicht», sagte Einstein dazu. Und da der Schöpfer dem Menschen mit der Mathematik auch die Vernunft gegeben hat, kann dieser den Bauplan der Schöpfung erkennen und selber ein Abbild der kos­mi­schen Ordnung bauen. Mit einer Mathematik, die seit Kepler, Newton, Einstein und Hawking weiter­entwickelt worden ist, versucht er immer noch, den kosmischen Bauplan zu erfassen. Da er nun aber das Irdische vom Himmli­schen trennt, sucht er im Universum nicht mehr nach dem Göttlichen, heute sucht er nach dem Leben.

Die Rationalität, die die heutige Welt be­stimmt, ist im Mit­telalter noch fern. Zeit und Raum sind noch nicht vermessen. Bis ins 14. Jahrhundert messen Menschen die Zeit mit Sonnen-, Sand- und Wasseruhren, wenn überhaupt. Die Vorstellung vom Zeitmass eines Jahrhun­derts ist im Mittelalter fremd. Man richtet sich nach wieder­kehren­den Naturerscheinungen, nach den Jahreszeiten, Mond­phasen oder dem Sonnenstand. Die Vor­stellung, die sich die Menschen von der Zeit machen, ist konkret, nicht abstrakt. Wünsche und Ängste gelten greif- und vorstell-baren Ereignissen. Begriffe wie das «Jüngste Gericht» oder die «Wiederkehr Christi» gehören zum Lebensalltag. Ein Mass für Geschwin­dig­keit kennen sie nicht. Eine Tagesreise ist nur ein Längen­mass. Landkarten sind symbolische Karten, Massstäblichkeit hat keine Bedeutung.

Mit dem Grund­besitz wächst aber die Not­wen­digkeit, diesen karto–grafisch zu erfassen, die Strecken und Flächen zu messen.  Vermessen wurde nach der römischen Feldmesser-Geometrie, die durch Abschriften in den Schreibstuben der Klöster ununterbrochen überliefert wurde. Dennoch gibt es prak­tisch keine mittelalterlichen Berichte, die den konkreten Mess­vor­gang im Gelände schildern würden. Erst Leon Battista Alberti beschreibt ihn im Jahr 1485 kurz. Mehr wissen wir über die verwendeten Instru­mente. Es sind die gleichen, die von Vitruv (1. Jh. v. Chr.) aus der Antike über­liefert sind: Mess­stange, Messstab, Richt­schnur, Seil und Knotenschnur, Richt­scheit, Dreieck und Rechtewinkelmass, sowie Lot und Lotwaage.

Gott hat das Universum nach mathematischen Gesetzen geschaffen

Gott hat das Universum nicht planlos, sondern nach mathematischen Gesetzen geschaffen. Wer eine Kathedrale oder eine Stadt gründet, wiederholt die Schöpfung

Die Mathematik hält die Welt im Inner­sten zu­sam­men; sie ist die Universal­gram­matik allen Seins.

Aus „Spiegel des menschlichen Lebens“, Augsburg um 1476 von Fabricius Hildanus Wilhelm «Getruckt zu Bern : bey Abraham Werlii, im 1621. Jahr»

Aus „Spiegel des menschlichen Lebens“, Augsburg um 1476 von Fabricius Hildanus Wilhelm
«Getruckt zu Bern : bey Abraham Werlii, im 1621. Jahr»

Geländevermessung mit der Messlatte, Psychomachia des Prudentius, 10./11. Jh.

Geländevermessung mit der Messlatte, Psychomachia des Prudentius, 10./11. Jh.

Darstellung der Geometria in «Artes Liberales» von Hieronymus Cock, nach Entwürfen von Frans Floris, 1551

Darstellung der Geometria in «Artes Liberales» von Hieronymus Cock, nach Entwürfen von Frans Floris, 1551; die Unterschrift lautet: «Ich vermesse Felder und Landstriche der Welt»; dargestellt sind Stechzirkel, Messlatte, Richtscheit (Winkel), Lotwaage und Lot mit Holzklötzchen

«Die Geometrie ist der Archetypus für die Schönheit der Welt.»

Johannes Kepler (1571 – 1630)

Höhenmessung, Musterbuch des Villard de Honnecourt, um 1220/30

Höhenmessung, Musterbuch des Villard de Honnecourt, um 1220/30