Die Städtebauforschung bezweifelt den Typus «Gründungsstadt» als einmaliges Werk eines weltlichen oder kirchlichen Potentaten. Neuere Untersuchungen zeigten, dass eine Stadtwerdung sich in der Regel als Prozess über einen längeren Zeitraum hinzog. Wohl darum wird Neunkirch in der Städtebauforschung lediglich in einem beschreibenden Sinn erwähnt. Wie das Phänomen des Jahrhunderte überdauernden Rechtecks von Neunkirch zu deuten ist, kann die heutige Städtebauforschung nicht erklären. Auf «Beweise» in Form von Urkunden und archäologischen Funden festgelegt, hat sich die Städtebauforschung weder mit der Lage und der Ausrichtung der Stadt noch mit den der einmaligen Gestalt innewohnenden geometrischen Zusammenhängen beschäftigt.
Auch Wilhelm Wildberger und Martina Stercken bemerken die leichte Schieflage der Stadt Neunkirch nicht, machen jedenfalls keine Aussagen dazu.
Walter Guyan hingegen geht in seinem Buch «Neunkirch Landstadt im Klettgau» von 1985 auf die Abweichung von der West-Ost-Achse ein. Er schreibt:
«Neunkirchs Anlage ist geostet, das heisst ihre Grundrichtung weicht mit etwa 6 Grad nach Nordosten ab. Man nennt dies die ‹11-Uhr-Strahlstellung›, das heisst die Häuser stehen senkrecht zur Stellung der späten Vormittagssonne um 11 Uhr, also leicht SW-NE zum günstigsten Sonnenstand abgedreht.»
Er sagt damit, der Gründer habe die Stadt leicht von der West-Ost-Achse abgedreht, um den Gebäuden die stärkste Wärmeeinstrahlung durch die Sonne zu bringen. Er sagt aber nicht, in welcher Jahreszeit. Eine nähere Betrachtung zeigt jedoch: diese «11-Uhr-Strahlstellung» vermag die Abweichung der Stadt um 5.4° nicht zu begründen. Denn
• am 21./22. Dezember (Wintersonnenwende) steht die Sonne um 11 Uhr, wahre Sonnenzeit (WOZ), bei 165° Azimut und 18° Höhe, die Abweichung von der West-Ost-Achse müsste 15° betragen
• am 20. März und am 22. September (Tag- und Nachtgleiche) steht die Sonne um 11 Uhr, wahre Sonnenzeit, bei 160° Azimut und 40° Höhe, die Abweichung müsste 20° betragen
• am 20./21. Juni (Sommersonnenwende) steht die Sonne um 11 Uhr, wahre Sonnenzeit, bei 149° Azimut und 62° Höhe, die Abweichung müsste 31° betragen.