Die Zahlensymbolik im Neunkircher Rechteck

Neunkirch ist ein Rechteck, hat vier Gassen und fünf Häuserzeilen. Warum der Baumeister diese Zahlen wählt, wissen wir nicht. Jeden­falls verbindet auch er damit Himmlisches und Irdisches: Vier steht für das irdische, Fünf für das himmlische Prinzip.

Die Vier ist das Symbol für die sichtbare, geformte, reale und strukturierte Welt, für den Lebensraum des Menschen und das dem Diesseits zugewandte Denken und Fühlen. Sie steht für das «Koordinatenbewusstsein» des Menschen, zeigt die vier Himmelsrichtungen, die vier Elemente (Feuer, Erde, Luft und Wasser) und manifestiert Ganzheit und Ordnung. Sie ist statisch und steht damit im Gegensatz zum Kreisenden und Dynamischen. Die Vier zeigt sich im Quadrat. Die Diagonale verweist auf das Irrationale, auf die Wurzel aus der Zahl Zwei.

Die Fünf steht für das fünfte Element, für den materiell nicht greifbaren Geist des Menschen, für die sogenannte Quintessenz. Fünf zeigt auf das Jenseitige. Die Zahl Vier reprä-sentiert die Vollständigkeit, Fünf die Vollkommenheit. In der Zeit der Gotik sind die Alchimisten auf der Suche nach einem fünften Element, der «quinta essentia», der Quintessenz. Sie galt als das geheime Mittel, um den «Lapis philosophorum», den Stein der Weisen, zu erzeugen.

Die geometrischen Entsprechungen der Fünf finden sich im Zeichen des Quincunx (die Fünfzahl auf einem Würfel) und im Pentagon oder Pentagramm. Der innere Punkt im Quincunx ist das unverrückbare geistige Zentrum; die äusseren vier Punkte weisen auf die materielle Welt. 

Das Pentagramm entsteht aus den Diagonalen des Pentagons. Diese schneiden sich gegenseitig im Goldenen Schnitt, was zur besonderen Symbolkraft des Pentagramms beitragen könnte. Neben anderen bringen Pytha­go­ras, Vitruv, Villard de Honnecourt und Leonardo da Vinci den Men­schen in Verbindung mit der Vier und der Fünf, mit Quadrat und Pentagramm.

Lebensraum Diesseits Koordinatenbewusstsein

4

5

Quintessenz Jenseits Marienverehrung

5

4

Die mittelalterliche Seele «erblickte in allem ein Symbol: im Grössten wie im Kleinsten, im Denken und Handeln, Lieben und Hassen, Essen und Trinken, Gebären und Sterben.

In jedes Gerätestück, das er schuf, in jedes Haus, das er baute, in jedes Liedchen, das er sang, in jede Zeremonie die er übte, wusste der mittelalterliche Mensch diese tiefe Symbolik zu legen, die beseligt, indem sie zugleich bannt und erlöst».

E. Friedell: «Kulturgeschichte der Neuzeit», 1927/31

Das Mikrokosmos-Makrokosmos-Schema
(Agrippa von Nettersheim, 1509)