Die Terre Nuove

San Giovanni Valdarno (ursprünglich San Giovanni) 1296 von der Stadt Florenz gegründet

Terre Nuove und Neunkirch – ihre symbolisch aufgeladenen, perfekten Geometrien sind wesensgleich

Neunkirch ist nicht die einzige Stadt mit einem streng geometrischen Grund­riss. Nach den Stadtgrün­dungen des Römischen Reiches entstehen in Europa im Lauf der Jahrhunderte immer wie­der geometrische Planstädte: die Stadtgründungen der Renaissance, die fürstlichen Residenzstädte der Barockzeit oder die Festungsstädte, die als Mischform von Stadt und Be­fes­ti­gungs­an­lage geplant werden. Abgebrannte Städte oder Stadtteile werden oft in der Form von Planstädten wieder aufgebaut. 

Die ältesten Vorstellungen von Idealstädten stammen von Platon und Aristoteles, erste Planungen von Vitruv. Sie beschreiben vor allem die ideale politische Organisation einer Stadt. In der Renaissance werden diese Ideen von Leon Battista Alberti (1404 bis 1472) wieder aufgenommen. Auch Ar­chi­tekten und Künstler wie Filarete (um 1400 bis 1469),  Leonardo da Vinci (1452 bis 1519) und Albrecht Dürer (1471 bis 1528) entwerfen Idealstädte.

Weitaus am nächsten verwandt mit Neunkirch sind aber die «Terre nuove» genannten, kleinen Städte in der Toskana. Sie werden kurz nach Neunkirch von der Stadt Florenz gegründet.

Obwohl sie im romanischen Kulturraum liegen, teilen die Terre nuove mehrere Gemeinsamkeiten mit Neunkirch. Breitengrade und Stadtgestalten unterscheiden sich zwar deutlich – die Terre nuove übernehmen den römischen, markanten zentralen Platz mit Kirche und Rathaus, während Neunkirch die zähringische Hauptgasse übernimmt –, doch die geschlossene rechteckige Form, die Zweckbestimmung und die Lage der Städte, vor allem aber die symbolisch aufgeladene perfekte Geometrie sind wesensgleich. Hinter den sichtbaren Dingen leuchtet eine geistige Verwandtschaft auf.

Im Jahr 1285 beschloss die Regierung der Stadt Florenz auf Initiative der Händler und Handwerker, ihr Territorium militärisch zu sichern und zugleich neue Handelszentren zu bilden. So entstanden dreissig bis fünfzig Kilometer um Florenz die Terre nuove. Sie sollten, verkleinert, Florenz als Idealstadt darstellen, was Florenz selbst als gewachsene Stadt nicht mehr sein konnte. Bereits die Namen der Terre nuove weisen darauf hin: San Giovanni ist der Schutzpatron von Florenz, Firenzuola, das kleine Florenz, Giglio fiorentino, die Lilie im Stadtwappen. Die Terre nuove sollten den Höhepunkt des zeitgenössischen Städtebaus markieren und deshalb von Künstlern, nicht Ingenieuren entworfen werden.

Arnolfo di Cambio entwarf den Grundriss von San Giovanni, der ersten von Florenz gegründeten Stadt. Sie ist ein langgezogenes Rechteck mit fünf parallel verlaufenden Strassen. In der geometrischen Mitte des Rechtecks liegt quer der grosse Platz, das klare Zentrum der Stadt mit dem freistehenden Palazzo comunale. Die Stadt besteht aus vier gleichen Teilen, den «Quartieren». An den Stirnseiten des Platzes stehen zwei Kirchen, eine dritte greift seitlich in die Parzellenstrukturen ein. Zwischen den Stras­sen sind die Parzellen regelmässig aneinandergereiht. Zur Strasse hin sind sie fünf bis sieben Meter breit, ihre Tiefe reicht bis zu zweiundzwanzig Meter.

Als Baugrund wählten die Stadtgründer eine möglichst flache Ebene, wo nötig wurde sie planiert. Wie Neunkirch brauchten auch die florentinischen Idealstädte für ihre orthogonale Geometrie topografisch ideale Voraussetzungen. 

Die Befestigungsanlagen, die Strassen und die öffentlichen Bauten finanzierte Florenz. Für ihre Häuser mussten die 300 bis 500 Sied­ler­fa­milien selber aufkommen. Dafür wurden sie der Verpflichtungen gegenüber ihren Feudalherren enthoben, zahlten der Kommune moderat Steuern und wurden von ihr geschützt. Obwohl San Giovanni auch als Garnison gedacht und rund um die Uhr bewacht war, waren die Bewohner in erster Linie Bauern, Handwerker oder Händler.

Wie eng die Geistesverwandtschaft zwischen Neunkirch und den Terre nuove ist, zeigt die Beschreibung von Vittorio Magnago Lampugnani in «Die Stadt von der Neuzeit bis zum 19. Jahrhun­dert»: 

«In allen Terre nuove unverändert blieb der Anspruch der geometrischen Perfektion, die keineswegs pragmatisch, sondern sym­bo­lisch motiviert war. Die Kunst der Geometrie sollte dem Stadtkörper eine gottgefällige, den zeitgenössischen Vorstellungen vom himmlischen Jerusalem entsprechende Form verleihen: Dafür griff man sowohl auf scholastische Lehrbücher wie die Practicae Geometriae von Leonard Fibonacci (1220 oder 1221) als auch auf theologische und staatstheoretische Quellen wie Thomas von Aquin, Augustinus und nicht zuletzt Vitruv zurück. Die Idealisierung von Florenz vermochte nur mit höchs­tem Anspruch zur Darstellung gebracht werden.

Das war nicht zuletzt deswegen mög­lich, weil die Terre nuove als in sich geschlossene Einheiten konzipiert wurden, ohne Landreserven oder Erweiterungspotential. Ihre Perfektion duldete keine Veränderung. Insofern nehmen sie nicht nur das Schönheitsideal vorweg, das anderthalb Jahrhunderte später Leon Battista Alberti als etwas definierte, dem nichts hinzugefügt oder entzogen werden könne, ohne es zu beeinträchtigen, sondern auch das Konzept der Idealstadt, das in der Renaissance einen Höhepunkt feiern sollte.»

Die Terre Nuove sind Seelenverwandte der Stadt Neunkirch

San Giovanni Valdarno (ursprünglich San Giovanni) gegründet 1296

Die Terre Nuove sind Seelenverwandte der Stadt Neunkirch

Castelfranco di Sopra 1299 

Die Terre Nuove sind Seelenverwandte der Stadt Neunkirch

Firenzuola (piccola Firenze) um 1306

Die Terre Nuove sind Seelenverwandte der Stadt Neunkirch

Scarperia 1306

Die Terre Nuove sind Seelenverwandte der Stadt Neunkirch

Terranuova Bracciolini 1337 bis 1348