Visionen des Ezechiel vom Bau des neuen Jerusalem: Der Bau­meis­ter erscheint im Stadttor mit Messlatte und Messschnur, er misst die Längen mit der geknoteten Mess­schnur und die Höhen mit der Messlatte; Schwarzrheindorf, ehem. Burgkapelle St. Klemens, Unterkirche, Deckenmalerei, 1151/56

Die mittelalterliche Stadtvermessung

Mit den vielen mittelalterlichen Stadtgründungen wächst auch die Notwen­digkeit, den Grund­besitz der Besitzbürger kartografisch zu erfassen, die Strecken und Flächen zu messen. So lässt Wilhelm der Eroberer ab 1086 den Grundbesitz in England im «Domesday Book» kartografieren. 

Vermessen wurde nach der römischen Feldmesser-Geometrie, die durch Abschriften in den Schreibstuben der Klöster ununterbrochen überliefert wurde. Zur mittelalterlichen Bau- und Stadtvermessung sind jedoch nur wenige schriftliche Hinweise bekannt. Eine Chronik aus dem Jahr 1200 schildert detailliert die Vermessung der nordfranzösischen Stadt Ardres, und die Stadt Baa bei Bordeaux hat im Jahr 1287 ein professioneller Geometer namens Gérard de la Tour vermessen. 

Anhand solcher Quellen kann man sich die Vermessung einer Planstadt vorstellen: Mit den damals bekannten Instrumenten wurden die Strecken des Stadtgrundrisses im Gelände ausgemessen und verpflockt.  Die Strassen, die Hofstätten- oder Parzellengrenzen, die Standorte von Kirchen, Rathäusern, Türmen und Tore wurden mit Kalk, Gips oder Pflöcken markiert. Die Instru­mente sind die gleichen, die von Vitruv (1. Jahrhundert v.Chr.) aus der Antike über­liefert sind: Mess­stange, Messstab, Richt­schnur, Seil und Knotenschnur, Richt­scheit, Dreieck und Rechtewinkelmass, sowie Lot und Lotwaage. Die Messtechnologie des 13. Jahrhunderts kannte ferner den Jakobsstab. Damit war es möglich, auch in schwierigem Terrain zu vermessen. Zum Abstecken rechter Winkel wurde auch das aus dem römischen Vermessungswesen bekannte Groma verwendet.

Moderne Feldversuche zeigen, dass Stadtgrundrisse mit der Messseilmethode einfach und effizient ins Gelände übertragen werden können – die Zähringerstadt Freiburg im Breisgau wurde von zehn Personen in fünf Tagen ins Gelände übertragen.

Für Neunkirch wählte der Gründer einen Ort mit flachem und ebenem Terrain, ohne Felsen und Gräben, ohne Flüsse und Bauten. Die Geländevermessung mit Knotenschnur und Messlatte ist auf solchem Terrain recht einfach (Abb. 1 und 2 im Anhang).

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Darstellung der Geometria in «Artes Liberales» von Hieronymus Cock, nach Entwürfen von Frans Floris, 1551

Darstellung der Geometria in «Artes Liberales» von Hieronymus Cock, nach Entwürfen von Frans Floris, 1551; die Unterschrift lautet: «Ich vermesse Felder und Landstriche der Welt»; dargestellt sind Stechzirkel, Messlatte, Richtscheit (Winkel), Lotwaage und Lot mit Holzklötzchen

Die Konstruktion eines Pentagons im Gelände, Illustration aus dem Werk Mallets, 1672, Alain Manesson Mallet, 1630 -1706, französischer Kartograph und Ingenieur, Maître de Mathématiques und Inspecteur der Festungsanlagen in der Armee von Ludwig XIV., 1702 erschien sein Werk, die «Géométrie pratique»

Höhenmessung, Musterbuch des Villard de Honnecourt, um 1220/30

Höhenmessung mit dem Jakobsstab, Musterbuch des Villard de Honnecourt, um 1220/30

Geländevermessung mit der Messlatte, Psychomachia des Prudentius, 10./11. Jh.

Geländevermessung mit der Messlatte, Psychomachia des Prudentius, 10./11. Jahrhundert