Die Dachlandschaft von Neunkirch
Anstelle von Dokumenten hat uns der Gründer eine Stadt hinterlassen, die man «lesen» kann
Die Gründung der Stadt Neunkirch unterscheidet sich von den Stadtgründungen ihrer Zeit: kein Kloster, kein Pilgerweg, keine Kathedrale, weder Fluss noch See nur Land und Wald. Keine Zölle, kein Markt und kein Stapelrecht. Wohl darum ist Neunkirch heute keine grosse Stadt.
Es müssen andere Gründe sein, die den Bischof diesen Standort wählen liessen. Er brauchte einen Ort, wo ein Vogt seine neu erworbenen Rechte im Klettgau verwalten konnte, wo er Gericht halten und die Steuern und Abgaben einziehen und lagern konnte.
Dem Zeitgeist entsprechend gründet er dazu eine Stadt. Das erklärt den Ort teilweise, aber nicht hinreichend. Er hätte ja auch die bestehende Siedlung am Hang bei der Bergkirche ausbauen und befestigen können, wie er das bei andern Städten gemacht hat. Da wäre die Verteidigung einfacher gewesen.
Sinn macht der gewählte Ort aber, wenn wir davon ausgehen, der Bischof wolle eine ideale Planstadt gründen. Dazu brauchte er ein ebenes Gelände, frei von Gebäuden, Felsen, Flüssen, Büschen, Bäumen und Gräben. Wasser brauchte er und eine leichte Neigung im Terrain, damit es abfliessen kann. Am Fuss seiner Bergkirche fand er diesen Platz und wählte ihn.
Wie für viele mittelalterliche Stadtgründungen gibt es auch für die Neunkircher keine Gründungsurkunde; auch das Gründungsdatum ist nicht dokumentiert.
Anstelle von Dokumenten hat uns der Gründer aber eine Stadt hinterlassen, die man «lesen» kann. Die Bestimmung, die Lage und die Gestalt der Stadt sind in einem Mass ausserordentlich, das uns erlaubt, seine Motive, sein Konzept und sein Vorgehen zu erahnen.
Die Gestalt der Stadt etwa führt uns zur verborgenen, grundlegenden Stadtgeometrie, ihre Lage und die Orientierung zum Gründungsdatum.
«Da bleibt uns nichts anderes übrig, als mit einer Feuersbrunst, resp. einer Zerstörung zu rechnen, der die Stadt auf dem Berge zum Opfer fiel. (…)
Nun wollte man beim Anlass des Wiederaufbaus (...) die Zuleitung von Wasser erleichtern, vielleicht auch einen besseren Baugrund erwerben. Jedenfalls geschah die Neuanlage gleichzeitig, daher der regelmässige, rechteckige Grundriss.
In welche Zeit dürfte der Bau fallen? Die rechteckige Form spricht für das dreizehnte Jahrhundert.»
Genaueres als das, was Wilhelm Wildberger 1917 zur Gründung der Stadt schreibt, ist bis heute nicht bekannt. Weder zur Wahl des Ortes noch zur einmaligen Form. Vom dreizehnten Jahrhundert auf die rechteckige Form zu schliessen, ist jedenfalls ziemlich gewagt. Wäre das damals Mode gewesen, müssten sich Spuren von weiteren rechteckigen Städten finden lassen.
Das hochmittelalterliche Bevölkerungswachstum endete mit der Pest in weiten Teilen Europas in der Mitte des 14.Jahrhunderts. Die Bevölkerung schrumpfte um rund einen Drittel. Damit gingen die Stadtgründungswelle und das Wachstum innerhalb der Städte zu Ende. Dieser Einschnitt dürfte sich auch auf die Entwicklung von Neunkirch ausgewirkt haben.