Die Geometrie der Stadt Neunkirch

«Der Bischof würfelt auch nicht»

Der Bischof gründet Neunkirch in einer Zeit, in der die Überzeugung wächst, der menschliche Ver­stand könne die Schöpfung erkennen und dank der Mathematik ein Abbild der kosmischen Ordnung schaffen; in einer Zeit, in der das Leben gleichermassen bestimmt wird von der Hoffnung auf ein baldiges paradiesisches Zeitalter wie von der Angst vor dem Fegefeuer, und in der die reale und die imaginäre Welt innig verflochten und durch Symbole verbunden sind.

Er gründet Neunkirch an einem Ort, der keine wirt­schaftlichen Standortvorteile verspricht, aber ideale Voraussetzungen bietet für eine Planstadt. Und er gründet die Stadt mit den neuesten, beim Bau der gotischen Kathedralen ge­wonnenen Pla­nungs- und Vermessungstechniken. 

Er orientiert Neunkirch nach dem Sonnenaufgang eines hohen christlichen Feiertags und fügt so die Stadt in die kosmische Ordnung ein. 

Nicht nur die äussere Form, das kastellartig geformte Stadtmauerrechteck, auch die innere Gliederung ist nach einem klaren Kanon geor­dnet. In der Stadt regiert eine verborgene, symbolisch aufgeladene Geometrie: aus dem Goldenen Schnitt entwickelt sich ein einzigartiger Stadtgrundriss. Und mit vier Gassen und fünf Häuserzeilen legt der Gründer seinen Untertanen die Symbolkraft der beiden Zahlen als Botschaft in den Stadtgrundriss. 

Der Baumeister verlässt die damals weit verbreitete Stadtgliederung: zwei Hauptachsen im rechten Winkel – abgeleitet aus den römischen Achsen «decumanus» und «cardo» – mit einem grossen zentralen Platz und den vier Stadtquartieren. In Neunkirch führt er ein neues singuläres Gestaltungsprinzip ein: er nimmt die Hauptgasse aus der Symmetrieachse und teilt mit der Hauptgasse die Stadt im Goldenen Schnitt; die beiden Tortürme an den Enden der Hauptachse zeigten diese Stadtgliederung jedem, der sich der Stadt näherte. Auf eine Quergasse verzichtet er.

Das Video zeigt in sechs Minuten die Konstruktion der Stadtgeometrie. Als erstes bestimmt der Baumeister das Zentrum, dann richtet er die Stadt auf den Sonnenaufgang aus. Mit dem Initialkreis legt er die Grösse der Stadt fest und damit auch die Längen und Breiten der Häuserzeilen und Gassen. Mit dem Doppelquadrat und fünf weiteren konzentrischen Kreisen legt er das Fundament der Stadtgeometrie.

Die Geometrie der Stadt Neunkirch, entstanden aus dem Initialkreis und etwa 24 Zirkelschlägen im Goldenen Schnitt

Die verborgene Stadtgeometrie über dem digitalen Grundbuchplan des Amts für Geoinformation des Kantons Schaffhausen

Die heutigen Bauten im ehemaligen Zwinghof liegen ausserhalb des Gründungsplans

Die Geometrie über einem Grundbuchplan, der vermutlich zu Beginn des 20.Jahrhunderts mit der Einführung des Zivilgesetzbuches gezeichnet wurde

Die beiden mittelalterlichen Tortürme machten den Goldenen Schnitt sichtbar

Die Hauptachse teilt die Stadt längs im Goldenen Schnitt; es gibt keine Symmetrie. Die beiden Tortürme markieren diese Teilung und machen sie jedem, der sich der mittelalterlichen Stadt nähert, von Weitem erkennbar

Bei rund 80% der Abwicklung stimmen heute noch Fassaden und Grundstücksgrenzen mit der Stadtgeometrie überein, bei 20% weichen sie davon ab

Der digitale Grundbuchplan des Amts für Geoinformation des Kantons Schaffhausen liefert die Grundlage, um die Übereinstimmung von Geometrie und Realität zu überprüfen

Fast 80% der Fassaden und Grundstücksgrenzen stehen heute noch exakt auf den Linien der Stadtgeometrie. Nach mehr als 760 Jahren Stadtgeschichte gibt es auch Stellen, wo die heutigen Grundstücksgrenzen nicht mehr identisch sind mit dem Urbild. Teilweise können wir vermuten, weshalb. So etwa bei Bauten, die Brandlücken füllen, wie beim Riet­mannschen Doppelhaus (erbaut 1763). Das Ge­mein­dehaus wiederum wurde 1568 präzis in den Gründungs­plan gebaut. Auch das alte Schulhaus passt genau. Das Gebäude Vordergasse 46 jedoch wurde bereits sehr früh, 1475, aus der Fassadenflucht zurückgestellt. 

Im östlichen Teil der Stadt stimmen die Grundstücksgrenzen besser mit der Stadtgeometrie überein als im westlichen Teil. Am westlichen Ende der Vordergasse wurde eine Hauszeile verkürzt, möglicherweise um Platz zu schaffen für den Brunnen. Auffal­lend ist, dass dieser Gebäudebereich als einziger aus der Fassadenflucht abgedreht worden ist. Der Knick ist an Fassade und Dach beim Haus Vordergasse 23 erkennbar. Zur Klärung dieser Abwei­chung wären weitere Untersuchungen, vor allem archäologische, erforderlich. Insgesamt können diese Abweichungen die zugrundeliegende Geometrie aber nicht in Zweifel ziehen.