Die mittelalterliche Seele «erblickte in allem ein Symbol: im Grössten wie im Kleinsten, im Denken und Handeln, Lieben und Hassen, Essen und Trinken, Gebären und Sterben. In jedes Gerätestück, das er schuf, in jedes Haus, das er baute, in jedes Liedchen, das er sang, in jede Zeremonie, die er übte, wusste der mittelalterliche Mensch diese tiefe Symbolik zu legen, die beseligt, indem sie zugleich bannt und erlöst».
E. Friedell: «Kulturgeschichte der Neuzeit», 1927/31
Wenn das Leben nahe beim Tor zum Paradies stattfindet, wenn die einzige Erwartung auf ein baldiges, neues, göttliches Zeitalter gerichtet ist und Geschichtsbewusstsein kaum eine Rolle spielt, vermischen sich Realität und Fiktion. Für uns ist diese enge Verbindung von Mystischem und Realem, von Himmlischem und Irdischem schwer nachvollziehbar. Die uns geläufigere Trennung in sakral und profan begann mit der Reformation. Im Mittelalter war der Alltag noch voller doppeldeutiger Hinweise auf das Jenseitige.
Auch bei der Gründung der Stadt Neunkirch spielten Symbole eine Rolle: die Zahlensymbolik, der Kreis und das Quadrat, das Himmlische Jerusalem und vor allem der mystische Sonnenaufgang.
Die Sonne ist die Metapher für Christus. Er ist die wahre Sonne der Gerechtigkeit, und der Aufgang der Sonne ist auch die Auferstehung Christi.
Das leere Grab Christi wurde «früh am Morgen, als eben die Sonne aufging» (Mk 16,2) entdeckt. Die Blicke der Frauen, die am leeren Grab standen, richteten sich gen Osten zum Sonnenaufgang. Darum kommt im christlichen Glauben Jesus von Osten her auf die Erde zurück. Im Osten liegen auch das Himmlische Jerusalem und das Paradies.
Honorius Augustodunensis (12. Jahrhundert) leitete das Wort Ostern von Osten ab (engl. easter und east), der Himmelsrichtung des Sonnenaufgangs. Und die Taufe bekehrter Christen fand bevorzugt bei Sonnenaufgang am Ostermorgen statt.
Die Sonne ist seit jeher von göttlicher Bedeutung, wurde als Lebensspenderin verehrt, und ihr Lauf wurde genau
beobachtet und vermessen. Die ägyptische Sonnenbarke, das jungsteinzeitliche Stonehenge, die Himmelsscheibe von Nebra, die vergoldete Scheibe des Sonnenwagens von Trundholm oder die Goldscheibe von Moordorf gelten als sakrale Darstellungen der Sonne und zeugen von einer gottähnlichen Verehrung. Den Germanen galten die Sonnenfeste wie Mittsommerfest und Mittwinterfest als hohe Feiertage.
Im Jahr 274 weihte der römische Kaiser Aurelian dem «Unbesiegbaren Sonnengott» («sol invictus») einen Tempel und machte den Sonntag («dies solis») zum Feiertag. Als Geburtstag des Sonnengottes bestimmte er den 25. Dezember, im Julianischen Kalender der Tag der Wintersonnenwende. Die missionarischen Christen übernahmen diesen Tag, und so wurde der 25. Dezember zum christlichen Weihnachtsfest.
Wie schon im Altertum die Heiligtümer «geostet» wurden, so wurden auch im Mittelalter Kirchen und Städte häufig nach der aufgehenden Sonne «orientiert»; so fügten sie sich in die göttliche Ordnung ein und konnten am Heilsversprechen teilhaben.
Der Sonnenaufgangspunkt wandert im Jahresverlauf zwischen der Sommer- und der Wintersonnenwende. Der Tag, am dem die aufgehende Sonne anvisiert wird, bestimmt somit die Richtung des Bauwerks. Als richtungsbestimmende Tage werden vielfach christliche Feiertage gewählt oder die Gedenktage eines Heiligen oder einer Heiligen. Umgekehrt kann aus der Himmelsrichtung einer Baute auf den Tag geschlossen werden, an dem sie vermessen oder gegründet wurde.
Ein Altar-Flügel des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald: die Auferstehung