Neunkirch 1894. Die Stadt am Fusse der Bergkirche, wo das Gelände frei war von Gebäuden, Felsen, Flüssen, Büschen, Bäumen und Gräben, wo Wasser vorhanden und das Terrain leicht geneigt war

Der andere Zugang zum Neunkircher Rechteck

Die Städtebauforschung bezweifelt heute den Typus «Gründungsstadt» als einmaliges Werk eines weltlichen oder kirchlichen Poten­taten. Neuere Untersuchungen zeigen, dass eine Stadt­werdung sich in der Regel als Prozess über einen längeren Zeitraum hin­zog.

Wie auch Wilhelm Wildberger feststellt, ist es schwer vor­stellbar, wie Neunkirch nicht in einem Zug gegründet worden sein soll. Näher liegt die Annahme, der Entwurf des Stadtgrundrisses sei zwischen 1260, dem Kauf der Herrschaftsrechte durch den Bischof, und sei­nem Tod 1274 auf seine Initiative hin entstanden. Die Gründung der Stadt Neunkirch – Idee, Planung, Vermessung, Bau der Stadtmauer und der Türme – wäre somit ein kurzzeitiger, einmaliger Akt des Bischofs. Die ersten Wohn- und Gewerbebauten entstanden ebenfalls in dieser Zeit, denn für den Bau der Mauer und der Türme brauchte der Stadtherr Arbeiter. Um 1300 standen etwa 37 Hofstättenzins zah­lende Häuser auf Stadtgebiet. 

Jahrhundertelang wurden alle Gebäude nicht nur innerhalb der Stadtmauern gebaut, sondern waren, wie noch zu zeigen ist, an einer klaren und umfassenden Stadtgeometrie ausgerichtet. Unbekannte Normen oder Autoritäten haben für das dauernde Einhalten einer mit der Gründung vorgegebenen Ordnung gesorgt, von der nur in wenigen Einzelfällen abgewichen wurde.

Neun­kirch wird in der Städtebauforschung wohl erwähnt, aber lediglich in einem beschreibenden Sinn. Wie das Phänomen des Jahrhunderte überdauernden Rechtecks von Neunkirch zu deu­ten ist, kann die heutige Städtebaufor­schung nicht erklären. Ihr fehlen schriftliche Überlie­ferungen und Ergebnisse archäo­logi­scher Grabungen.

Aber es gibt einen anderen Zugang zum Recht­eck von Neunkirch. Diesen finden wir über prä­gende Strömungen jener Zeit: die Gotik, die Mathe­matik, die Zahlensymbolik und das geozentrische Weltbild. Dabei entdecken wir einen Bischof auf der Höhe seiner Zeit.