Das Himmlische Jerusalem

Barbarossaleuchter  in der Pfalzkapelle des Aachener Doms

Das «Himmlische Jerusalem» (auch «Neues Jerusalem») entspringt einer Vision aus dem neutestamentlichen Buch der Offenbarung des Johannes, Kapitel 21. Nach der Apokalypse, dem letzten Gericht und dem Endkampf zwischen Gott und Teufel, in dem Gott siegen wird, werden die Erde und der Himmel erneuert und eine Stadt wird aus dem Himmel herabfahren: das «Neue Jerusalem». Die Offenbarung enthält eine detaillierte Beschreibung der Stadt: Sie soll von gleissendem Licht strahlen, aus glasartigem Gold und von würfelförmiger Gestalt sein. Auf jeder der vier Seiten durchbrechen jeweils drei Stadttore, auf denen zwölf Engel stehen, die Stadtmauer. Auf den mit Perlen geschmückten Toren stehen die Namen der zwölf Stämme Israels. Die Mauern sind aus grünem Jaspis, ihre Grundsteine tragen die Namen der zwölf Apostel und sind mit zwölf Edelsteinen geschmückt. Das Quadrat spielt eine besondere Rolle. Es bestimmt den Umriss der Stadtmauer, die Gestalt des Tempelbezirks, des Tempels, des Vorhofs und des Allerheiligsten. 

Besonders während der Zeit der Kreuzzüge galt die Befreiung des irdischen Jerusalems von den «ungläubigen» islamischen Herrschern als Bedingung, damit das Himmlische Jerusalem kommen könne. Ein Beispiel für die künstlerische Umsetzung dieses Gedankens ist der sogenannte Barbarossaleuchter in der Pfalzkapelle des Aachener Doms.

Kirchen, Klöster und Städte galten als irdische Manifestationen des Himmlischen Jerusalems. Eine vollkommene städtebauliche Gestalt ist, wie die Kathedrale, ein Abbild der kosmischen Ordnung. Auch sie ist eine Metapher für das Universum und eine Vorahnung auf das Himmlische Jerusalem, in dem dereinst ein Leben in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit sein wird. 

Um eine Idealstadt nach dem Vorbild des Himmlischen Jerusalems gründen zu können, braucht der Konstanzer Bischof einen Baumeister, der auf der Höhe der Zeit ist, vertraut mit der mittelalterlichen Mathematik und Geometrie und den neuen Planungstechniken. Offen bleiben kann dabei, ob er selbst sich eine konkrete Vorstellung der Stadt gemacht hat, die der Baumeister dann ausführt, oder ob der Baumeister – wir könnten einen Le Corbusier seiner Zeit vermuten – ihm den Entwurf geliefert hat. Einmalig jedenfalls ist die entstandene Stadtgeometrie, und sie ist es bis heute geblieben.