Eine Seite aus dem Musterbuch des Villard de Honnecourt, um 1220/30 

Der Bau gotischer Kathedralen ist ein komplexer Vorgang und setzt beson­deres Wissen und Können, Mathematik und eine hochent­wickelte Organisation voraus. Er erfordert hohe handwerkliche Genauigkeit und benötigt qualifizierte Steinmetzen. Die Ka­the­dra­len werden von Bauhütten gebaut; in ihnen sammeln sich alle künstlerischen und organisatorischen Kräfte. Sie sind die High-Tech-Zentren des Mittelalters und liefern als Total­un­terneh­men dem Bau­herren Projekt und Ausfüh­rung. 

Bauhütten sind Arbeitsgemein­schaften aller an einem Kirchen­bau tätigen Hand­wer­ker, wie Werkmeister, Steinmetz, Zimmer­mann, Mau­rer, Schmied und Glaser. Die Handwerker sind geachtete Persönlichkeiten, die bestbezahlten jener Zeit und können ihren Arbeitsplatz frei wechseln. Zum Selbstverständnis der Steinmetzen gehört das persönliche Steinmetzzeichen, das sie in die Werksteine einschlagen; häufig sind sie auch namentlich bekannt. 

Der Baumeister entwirft die Bau­pläne im Auftrag des Bischofs oder Domkapitels, der Parlier (frz. «Sprecher», heute Polier) leitet die Ausführung, der Bauver­walter ist für die Finanzierung und die Vertragsabschlüsse mit den Handwerkern zuständig. 

Die Bau­hütten sind hierarchisch orga­nisiert und haben eine eigene Ge­richtsbarkeit und Standes­vertre­tung. Sie sind für die Ausbil­dung des Nachwuchses besorgt. Ihre Berufs­ge­heim­nisse bewahren sie im eigenen Kreis. Nur der Meister ist im Besitz des gesamten Hüttengeheimnisses, des «arcanum magistri». Er allein kennt den rechten Steinmetzgrund, das rechte Mass, die Proportion und die Konstruktionszeichnungen. Er allein hat Zugang zur Lade, in der die Dokumente der Hütte aufbewahrt werden.

Dank Villard de Honnecourt, Bau­meister aus der Picardie, kennen wir einige der Regeln, die die gotische Baukunst bestimmten. In seinem Bauhüttenbuch hat er auf 33 Seiten eine Samm­lung von Zeichnungen und Skizzen zu­sam­men­getragen, die Bauten, Bau­tech­niken, Bauwerkzeuge, Figu­ren, Ge­staltungs­prinzipien und Tiere darstellen. Auch hat er beim Entwerfen der Kathedralen aktiv mitgewirkt; für Chartres habe er das berühmte Labyrinth entworfen.

Der Bischof von Konstanz pflegt Kon­takt mit seinen Nachbar-Bischöfen, die gotische Kathedralen bauen. Darum kennt er die Bauhütten. Für Arbeiten an seinem Münster in Konstanz und für das Heilige Grab in der Mauritius-Rotunde beschäftigt er selber Bau­meister und Handwerker.

Die Bauhütten

Bauhütten sind die High-Tech-Zentren des Mittelalters

Herrad von Landsberg; Hortus deliciarum, fol 27, 

«Die nur noch in Kopie erhaltene Bilderhandschrift zeigt in der Illustration zum Turmbau zu Babel die Steinmetzen und ihre Handlanger bei der Arbeit. Während links neben dem Turm ein Handlanger mit einer langstieligen beidhändig geführten Mörtelmischhacke den Mörtel in einem rechteckigen Trog mischt, trägt ein zweiter Handlanger den fertiggemischten Mörtel in einer Mulde zum Turm. Rechts sind zwei Steinmetzen mit dem Behauen eines Quaders beschäftigt; der linke stellt mit Schlageisen und Holzklöpfel den Randschlag her, und der rechte arbeitet mit der beidhändig geführten Doppelspitze die stehengebliebene Bosse bis auf die Ebene der Randschlags ab. Ein weiterer Handlanger trägt hinter ihnen einen bereits fertiggehauenen Quader zum Turm, wo zwei Steinmetzen mit dem Versetzen der Quader beschäftigt sind. Während der eine Steinmetz auf dem Turm kniet und mit dem Lot die Ausrichtung eines soeben versetzten Quaders prüft, legt der andere mit der rechten Hand das Richtscheit an die Mauer an und hält in seiner linken Hand die Mörtelkelle.»

aus: G. Binding: Planen und Bauen im frühen und hohen Mittelalter