Wenn wir heute den Grundstein zu einem Gebäude legen, zeigen wir damit: Hier ist der Ort, hier wird etwas von Bedeutung und Dauer geschaffen. Mit diesem Ritual reihen wir uns ein in eine Tradition, die weit zurückreicht, bis nach Ur und Babylon, China und Indien.

In Indien etwa bezeichnete der Astrologe den Punkt, der sich über dem Kopf der Schlange befand, die die Erde trug. Hier schlug der Baumeister mit einer Kokosnuss einen Pfahl in den Boden, damit wurde der Kopf der Schlange festgehalten. So besiegte er das Chaos und wiederholte den Schöpfungsakt. Die Stadt konnte nun gebaut werden.

Die Etrusker zogen, nachdem der günstige Tag bestimmt worden war, mit einem Stier, einer Kuh und einem bronzenen Pflug eine Furche um die neue Stadt. Dabei musste die Scholle nach innen fallen. Sie soll symbolisch die Stadtmauer und die Furche soll den vor ihr liegenden Graben darstellen. An den Stellen, an denen die Tore vorgesehen waren, wurde der Pflug angehoben und damit die Furche unterbrochen.

Auch das Mittelalter kennt solche Rituale. Im Jahr 939 gründete die Edelfrau Markswid in Neu- Schildesche bei Bielefeld ein Kanonissenstift. Der Gründungsvorgang wird im 13./14. Jahrhundert so beschrieben: An der Stelle, die für den Hauptaltar bestimmt war, wurde ein Kreuz aufgerichtet und  «(...) als man nun den Segen der Messe empfangen hatte, da stellten verständige Kunstfertige des Maurerhandwerks, die sie aus Nordfrankreich herangerufen hatte, den Mittagspunkt fest, schlugen um diesen einen ebenmässigen Kreis und legten den Punkt des tatsächlichen Sonnenaufgangs fest. Von jenem aus vermassen sie das Sanktuarium, das im Halbkreis gerundet war. Als man aber an der Stelle des Grundsteins die Erde ausgehoben hatte, nahm die Edelfrau Markswid einen neuen Stein auf, küsste ihn und legte ihn in der Mitte des Halbkreises [dort] nieder, wo nach beiden Seiten die Verbindung der Wände sich anschliesst (...).»

Anstelle von Dokumenten hat uns der Gründer eine Stadt hinterlassen, die man «lesen» kann: Die Gestalt der Stadt führt uns zur Stadtgeometrie, Ihre Lage und die Orientierung enthalten das Gründungsdatum.

Die Längsachsen der Kirchenschiffe wurden im Mittelalter oft nach Osten ausgerichtet; sie wurden am Sonnenaufgang «orientiert» («Ostung»). Die Sonne ist die Metapher für Christus, die wahre Sonne der Gerechtigkeit, der Sonnenaufgang versinnbildlicht die Auferstehung Christi. Auch mittelalterliche Städte wurden nach heliometrischen Gesichtspunkten orientiert. Der Osten steht auch für das Himmlische Jerusalem, für das Paradies. Die Orientierung von Bauwerken nach der aufgehenden Sonne ist bereits im Altertum bekannt, wie zum Beispiel der Tempel des Salomon in Jerusalem (15. Nisan / Pessach 957 v. Chr.). 

Als Tag, an dem der Sonnenaufgang einem Bauwerk die Orien­tierung geben soll, wurden oft Ostern oder Pfingsten, die höchsten christlichen Feiertage, gewählt. Oder Tage, die einem bestimmten Heiligen zugeordnet werden, der in einer Beziehung zum Bauwerk steht. So weicht etwa die Kathedrale Notre-Dame in Paris um 23.5° von der Ost-West­achse ab. Diese Ab­wei­chung ent­spricht dem Sonnenauf­gang von Allerheiligen, dem 1. November.

Die Stadt Neunkirch weicht um etwa 5.4° von der Ost-West-Achse ab. Das hat einen Grund. Der Bischof von Konstanz, der eine ideale Planstadt gründen will, dazu einen Ort wählt, der seinen besonderen Absichten entspricht und der die prägenden Strömungen seiner Zeit kennt, überlässt auch die Orientierung seiner Stadt nicht dem Zufall. Wenn wir nun von einer Beziehung zwischen der Abweichung und dem Gründungsdatum ausgehen, können wir von der Abweichung auf das Gründungsdatum schliessen.

Wir können berechnen, dass in Neunkirch die Sonne nur in den Tagen zwischen Ende März und anfangs April in der Verlängerung der Vordergasse Richtung Osten aufgeht. Das grenzt die möglichen Gründungsdaten ein erstes Mal ein.

Der Bischof sucht die freie Sicht auf den Sonnenaufgang an Ostern

Die Lage der Stadt verrät, dass der Bischof eine möglichst freie Sicht auf den Sonnenaufgang in den Ostertagen zwischen dem Randen im Norden und dem Häming im Süden suchte

Um nun die Orientierung konkret im Gelände bestimmen zu können, mussten der Stadtgründer und sein Baumeister einen Ort finden, der eine möglichst weite Sichtdistanz, eine möglichst hindernisfreie Sicht auf den Sonnenaufgang ermöglicht. 

Und damit wird klar, warum sie die Stadt genau hier gebaut haben: der Ort erfüllt nicht nur die topografischen Bedingungen und liegt an einem Wasserlauf, er lässt zwischen Randen und Häming eine fast ungehinderte Sicht zum Sonnenaufgang frei. Nur der höchste Punkt des Schmerlat erhöht in knapp drei Kilometern Distanz die Horizontlinie um 40 Meter (0.75°). Weiter nördlich wäre die Sicht vom Randen bei Beringen begrenzt gewesen, weiter südlich vom Vorderen Häming; zudem wäre hier das Gelände nicht mehr eben.

Blick zwischen Randen und Häming in der Verlängerung der Vordergasse

Blick zwischen Randen und Häming in der Verlängerung der Vordergasse

Ende März erscheint die Sonne jeden Tag zwei Minuten früher und 0.57° Azimut nördlicher. Am 31. März erscheint sie bei 84.6° Azimut bei einer um 0.75° leicht erhöhten Horizontlinie. Das entspricht der Abweichung der Stadt Neunkirch von 5.4°.

Wir wissen, dass die Stadt Neunkirch zwischen 1260, dem Kauf durch den Konstanzer Bischof, und dem 19. Februar 1274, seinem Todestag, gegründet worden sein muss. In dieser Zeit liegen drei Ostertage zwischen Ende März und anfangs April: der 1. April 1263, der 28. März 1266 und der 24. März 1269 (Berechnung nach der Gauss’schen Osterformel, Fassung aus dem Jahr 1816, Julianischer Kalender). Die weitaus beste Übereinstimmung entsteht am 1. April 1263.

Wenn also der Bischof von Konstanz

  • seine Stadt zwischen 1260 und 1274 gegründet hat
  • wenn er sie nach Osten ausrichten wollte, nach dem Symbol für Christus und seiner Auferstehung, nach dem Symbol für das Himmlische Jerusalem
  • wenn er sie am Sonnenaufgang in den Ostertagen orientieren wollte und
  • wenn wir den Beginn der Vermessung im Gelände als Gründungstag erkennen,

so können wir sagen,

der Bischof von Konstanz hat die Stadt Neunkirch an Ostern des Jahres 1263, am 31. März oder am 1. April gegründet
(nach dem Julianischen Kalender).

in Bearbeitung